Diskussionsstoff – Wie weit geht Originaltät

Wieder einmal kann ein „Scheunenfund“ einen Rekordverkauf verbuchen. Das britische Auktionshaus Coys verkaufte Anfang März einen Jaguar E-Type, der seit 1968 in einem Schuppen abgestellt war, für umgerechnet ca. 74.260 Euro. Dieser Jaguar E-Type ist allerdings auch ein Musterexemplar mit nur 44.870 Meilen auf dem Tacho und einer lückenlosen Dokumentation.

Warum werden solche, für den Laien eher schrottreife Exemplare, so wertgeschätzt? Immerhin muss der Käufer für eine komplette Restaurierung mit Blick auf die Erhaltung der Patina und Historie nochmals über 100.000 Euro in die Hand nehmen.

Wer in die Oldtimerszene zurückblickt wird feststellen, dass sich im Laufe der vergangenen Jahre die Ausrichtung geändert hat. Immer wichtiger wird das Thema Originalität. Und komplett erhaltene, nicht restaurierte Fahrtzeuge werden immer seltener. Noch vor einigen Jahren wurden solche Fahrzeuge komplett zerlegt und auf Zustand „neuwertig“ (und manchmal sogar besser) restauriert. In anderen Fällen dienten solche Fahrzeuge als Ersatzteillieferanten.

Wem es schwer fällt zu verstehen, warum ein Fahrzeug mit Patina und möglichst original erhaltenen Teilen immer mehr geschätzt wird, der stellt sich einen Rennwagen vor, dessen Sitze die Spuren des berühmten Fahrers zeigen. Den Schalthebel, mit dem er seinerzeit die Gänge bei atemberaubenden Rennen wechselte und die Kratzer der Karosserie nach einer Kollision. Alles Zeugen einer erlebten Geschichte – sozusagen ein Bilderbuch auf Rädern und Emotion pur.

Für manchen ist ein Fahrzeug mit Spuren aus seinem automobilen Dasein wie eine Skulptur. Es wird  erzählt, dass der Käufer des Ferrari California Spider aus der Baillon Versteigerung (Retromobile, Paris 2015) den Wagen so erhalten will, dass selbst der Staub auf dem Fahrzeug „gepflegt“ wird. Der Besitzer fährt den Wagen nur mit maximal 30 km/h, damit eben dies nicht geschieht. Diese Geschichte ist sicher eine der besonderen Blüten der automobilen Leidenschaft. Uns stellt sich nun aber – um die Sache weiterzudrehen – die kritische Frage:  Sollte man – um es auf die Spitze zu treiben – bei einem Mercedes aus den frühen 50er Jahren, der noch immer die originalen Reifen trägt, die seitdem die Luft nicht verloren haben, diese Luft erhalten? Man könnte Sie in einen Glasbehälter ablassen und in später in die (aufgrund der Sicherheitsbestimmungen) notgedrungen neu aufgezogenen Reifen umfüllen. Jeder Originalitäts-Fanatiker wird jetzt begeistert zustimmen –oder?  Wir freuen uns auf Ihre Meinung unter: info(at)classic-car.tv

Doch noch einmal zurück zum Ausgangspunkt, dem Jaguar E-Type mit Historie und niedrigem Meilenstand. Das Fahrzeug ist komplett unrestauriert und besitzt Matching Numbers, d.h. alle Bauteile entsprechen dem Auslieferungszustand.   Auf der Frontscheibe klebt noch die britische Steuerplakette von 1969, die seinerzeit im November abgelaufen ist. Um die Historie des Fahrzeugs noch etwas herauszuheben, brachte das Auktionshaus noch die Beatles mit ins Spiel, denn der Jaguar-Erstbesitzer, Ivaor Arbiter, hatte für die britische Pop Band das Logo mit dem nach unten laufenden T gestaltet. 1965 wurde der Jaguar an einen Händler verkauft, der das Fahrzeug einige Jahre fuhr bis er dann 1967 an den letzten Besitzer verkauft wurde, dem Rennbegeisterten Frank Riches. Riches verwendete den Jaguar immer wieder in Renneinsätzen und zog damit sein zweites Rennfahrzeug, einen MGTF. Um das Gewicht des Jaguars zu reduzieren, montierte Riches zwar einige Teile ab, behielt diese aber immer bei sich und dem Fahrzeug. Zwar wurde das Fahrzeug nur wenige Kilometer gefahren, durch das Ziehen des Anhängers allerdings kam es zum Durchschmoren der Kupplung. Anstatt dies zu reparieren, kaufte sich Riches ein neues Zugfahrzeug und stellte den Jaguar 1968 in einem Schuppen ab. Historie ist Trumpf.