In Memoriam Norman Dewis

Norman Dewis OBE (Träger des „Order of the British Empire“), der unzähligen Jaguar Modellen als Cheftester den letzten Schliff verpasste, ist im Alter von 98 Jahren gestorben. Während seiner 33 Jahre bei Jaguar in Coventry stieg der furchtlose und extrem talentierte Dewis zum berühmtesten englischen Testfahrer auf.

Dort entwickelte er neben den mehrfachen Le Mans-Siegern C- und D-Type die klassischen XK140 und XK 150 Roadster, die Sportlimousinen 2.4/3.4 und Mk2, die großen Jaguar Mk VII und Mk VIIM, den legendären E-Type (inklusive des Lightweight E-Type), den Mittelmotor-Prototypen XK13, den ersten XJ, den XJ-S und die „XJ40“-Generation der XJ-Baureihe.

Der am 3. August 1920 in Coventry geborene Dewis verließ nach dem frühen Tod des Vaters die Schule und begann schon mit 14 Jahren an Autos zu arbeiten – bei Humber montierte er Kotflügel und Motorhauben. Mit 15 wechselte er zu einem anderen Autobauer, Armstrong Siddeley, wo er in der Fahrwerksabteilung tätig war und bei Abstimmungsfahrten erstmals das Autofahren erlernte. Im Krieg wurde Dewis zur RAF eingezogen, wo er den Geschützturm von Blenheim Bombern bediente. Nach dem Krieg und einer kurzen Episode bei Lea-Francis begann am 1. Januar 1952 seine 33 Jahre lange Karriere bei Jaguar.

Neben den vielen Modellen, die Dewis in dieser Zeitspanne entscheidend mitentwickelte, übte eines seiner ersten Projekte ohne Zweifel den größten Effekt auf die Entwicklung der Automobiltechnik aus: die Scheibenbremse. Dewis wurde eingebunden in die Erprobung dieses von Jaguar zusammen mit Dunlop erdachten revolutionären Bremssystems – unvergessen der Testeinsatz eines C-Type mit Scheibenbremsen bei der Mille Miglia von 1952 – mit Stirling Moss als Fahrer und Dewis als Co-Pilot.

1953 war es dann Dewis selbst, der in einem modifizierten Jaguar XK120 auf einem gesperrten Teilstück der belgischen Autobahn bei Jabekke mit 277,41 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Seriensportwagen aufstellte. Beim dramatischen 24 Stunden-Rennen von Le Mans 1955 fuhr neben Renngrößen wie Hawthorn, Moss und Fangio einen über 300 km/h schnellen D-Type.

Mike Hawthorn vertraute Dewis Urteil blind. Kam er zu einer Trainingsfahrt an die Strecke und sah, dass Dewis schon eingetroffen war, fragte er den Teammanager: „Warum bin ich hier? Wenn Norman zufrieden ist, bin ich es auch.“

Neben den Rennwagenentwicklungen wurde Norman Dewis auch durch seine legendäre Hauruck-Aktion im Rahmen der Weltpremiere des Jaguar E-Type 1961 auf dem Genfer Salon bekannt. Sir William Lyons orderte aufgrund des großen Ansturms auf das neue Modell einen weiteren E-Type von Coventry nach Genf. Norman Dewis machte sich auf den Weg und legte die 1100 Kilometer nach Genf in nur 15 Stunden zurück – bis aufs Tanken nonstop, eine in der Zeit ohne Autobahnen beeindruckende Leistung.

In einer Ära ohne Sicherheitsgurte und Crashsicherheit gab sich Dewis furchtlos. Alles in allem spulte er geschätzt über 1,6 Millionen Testkilometer mit Geschwindigkeiten von über 160 km/h zurück. Seien es ein D-Type, den er bei Tests mit Glasfiber-Paneelen aufs Dach legte oder Überschläge mit dem XJ13 bei Hochgeschwindigkeitsfahrten – der unzerstörbare Dewis mit der Statur eines Jockeys kroch jedes Mal ohne Kratzer aus dem Wrack, erzählte seiner Frau nichts davon und ging am nächsten Tag zurück zur Arbeit.

In den Jahren vor seiner Pensionierung baute Norman bei Jaguar eine kleine, aber hoch motivierte Fahrzeugerprobungsabteilung auf, die er bis zu seinem Rückzug in den Ruhestand in 1985 leitete. Darüber hinaus überwachte er den Aufbau einer Jaguar Testbasis in Nardo (Italien) und 1984 einer ähnlichen Dependance in Phoenix, Arizona, die für den wichtigen US-Markt Langstrecken- und Umwelterprobungen durchführte.

In jüngerer Zeit war Dewis im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Jubiläum des D-Type an prominenter Stelle aktiv. Wo immer Jaguar auftrat, war auch Norman vor Ort, plauderte mit Fans und Freuden, in Cowboy-Stiefeln und mit seiner auffälligen Schnürsenkel-Krawatte. Beim Goodwood Revival demonstrierte er bei Fahrten im D-Type, dass er auch mit 93 Jahren kaum was von seinem Biss hinterm Lenkrad verloren hatte.

Auch im Projekt des Continuation Lightweight E-Type – eines Autos, das er in den 60er-Jahren selbst mithalf zu entwickeln – war er als Berater für Jaguar Classic Works eingebunden. Bis in sein 98. Lebensjahr hinein blieb Dewis ein globaler Markenbotschafter und großer Freund der Marke Jaguar. In Anerkennung seiner Leistungen für Jaguar und die englische Automobilindustrie erhielt Norman Dewis 2014 den Order of the British Empire (OBE) verliehen.

Prof. Dr. Ralf Speth, Jaguar Land Rover CEO: „Heute ist ein sehr trauriger Tag für die Marke Jaguar, für die Jaguar Fans in der ganzen Welt und auch für mich ganz persönlich. Wir werden ihn schmerzlich vermissen. Ohne seinen Beitrag zur Marke wäre Jaguar nicht zu dem geworden, was es heute ist. Daher hoffe ich, dass die Autowelt und alle, die sich mit Jaguar Land Rover verbunden fühlen, sagen: Danke, Norman.“