Legenden: Der Nervasport des Records

Eigentlich war die Markteinführung des Nervasport für Renault nur eine Marketingstrategie. Mit Werten wie Komfort, Fahrverhalten, Sicherheit und mit einem relativ erschwinglichen Preis, kopierte das Auto gängige Modelle aus den Vereinigten Staaten.

Die Presse lobte die Ergebnisse der Langstreckentests, aber Louis Renault wollte mehr. Er beauftragte den Leiter der Testabteilung Auguste Riolfo, ein Fahrzeug zu entwerfen, das Rekorde auf der Rennstrecke in Montlhéry brechen kann. Ziel war es, den Namen Nervasport mit extremer Kraft und Aerodynamik zu verbinden.
Riolfos Team behielt das ursprüngliche Chassis und den 8-Zylinder 4,8-Liter-Motor. Der Focus lag komplett auf der Karosserie. Um die Geheimhaltung des Projekts zu wahren, war es nicht möglich, einen externen Dienstleister zu kontaktieren. Also war es an Marcel Riffard, einem Ingenieur und Designer von Caudron-Renault-Flugzeugen, die ideale Form zu entwerfen. Dass er dafür einen Holzrahmen und eine Haut aus gehämmertem Blech verwendete, zeigte deutlich seine Verbindung mit der Luftfahrt.
Am Dienstag, den 3. April 1934, Nachmittags um 3.37 Uhr, machte sich der Nervasport Richtung Montlhéry auf. Das Ziel: 6.300 km in 48 Stunden. Das Team bestand aus den vier handverlesenen Technikern Roger Quatresous, Léo Fromentin, André Wagner und Georges Berthelon.
Obwohl jeder von ihnen ganz auf seine Aufgabe fokussiert war, kam nach einigen Stunden eine gewisse Lethargie auf. Das Team folgte akribisch dem Zeitplan, wechselte alle drei Stunden den Fahrer und das Tanken benötigte fünfunddreißig Sekunden – 15 weniger als beim 40 CV. So kam man auf eine Rundenzeit von 44 Sekunden.
Nach etwas mehr als drei Stunden wurden dann alle aufgeschreckt: die Wassertemperatur stieg alarmierend. Die Mechaniker erkannten einen Riss im Kühlerboden. Obwohl der Kühler regelmäßig befüllt wurde, vergrößerte sich das Leck und die höhere Anzahl der Stopps verringerte die Durchschnittsgeschwindigkeit.
Alle Ersatzteile und Werkzeuge für Reparaturen waren vor Ort. Und jemand hatte dann eine großartige Idee den ursprünglichen Kraftstofftank, der bei dem Rekordversuch nicht verwendet wurde, mit Wasser zu füllen und die elektrische Benzinpumpe an den Kühlkreislauf anzuschließen, um so das Leck auszugleichen. Mit einem Stück Schlauch, Kupferrohr, Draht und Duck-Tape konnten die genialen Mechaniker den Nervasport am Laufen halten, um seine vierundachtzigstündige Reise triumphal zu beenden.
Denn letztlich wurden alle Ziele erreicht, 8.037 km auf der Uhr, und das mit durchschnittlich 167 km/h. Mit drei Weltrekorden und neun neuen internationalen Rekorden in der drei bis fünf Liter-Klasse hatte Louis Renault gute Argumente für seine neuen Werbekampagnen!
Doch schon einen Monat später wurde die Leistung des Nervasport von einem Delahaye in den Schatten gestellt. Niedergeschmettert entschied das Team, jetzt Rekordversuche über zweiundsiebzig Stunden in Angriff zu nehmen. In weniger als zwei Monaten entwickelten die Männer von Auguste Riolfo ein neues Auto, basierend auf dem Chassis des Vivasport. Marcel Riffard verfeinerte die Karosserielinien und verbesserte die aerodynamische Leistung.

Am 11. August war Renault wieder in Montlhéry. Roger Quatresous und Léo Fromentin fuhren die ersten Schichten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 180 km/h. Gegen Mitternacht war Georges Berthelon an der Reihe. Bis halb drei fuhr er Runden – dann war eine Explosion auf der Strecke zu hören. Jede Hilfe für den Fahrer kam zu spät. Das Auto war komplett ausgebrannt und völlig zerstört.
Das tragische Ereignis war nicht nur ein schwerer Schlag für Renault sondern auch für die Automobilindustrie im Allgemeinen. Es war keine Überraschung, dass die Geschäftsleitung, das Projekt stillzulegen. Es dauerte zwanzig Jahre, bis ein Renault in Montlhéry wieder einen Rekord brechen konnte – der Étoile Filante.
Im Jahr 2014 beschloss Renault, den Nervasport heimlich wiederzubeleben.
Renault Classic nahm diese Mission mit der Renault Design Division und verschiedenen Subunternehmern in Angriff. Am 20. Mai 2016, ging es auf die Rennstrecke des Autodroms von Linas – 80 Jahre nach dem Rekord von 1934.