Oh Lord …

Natürlich ist dieses 356 SC-Cabriolet nur ein gebrauchter Oldie – da der 40 Jahre alte Porsche aber von Janis Joplin gefahren wurde, wurde er Anfang Dezember zu einem Rekordpreis versteigert.

Blenheim, Ontario, Kanada – ein kalter, windiger, nebelverhangener November-Tag, der den nahenden Winter ahnen lässt. Eine leicht düstere Atmosphäre, die nur durch ein bunt-bemaltes, wild aussehendes Porsche 356-Cabriolet aufgeheitert und erhellt wird. Eine halbe Weltreise war nötig, um diesen Porsche, den legendären Janis Joplin 356 zu sehen und zu fahren – genauer gesagt: Fahren zu dürfen.

Aber nun sind der lange Flug und die 100 Meilen lange Fahrt von Detroit nach Blenheim vergessen, denn dieses 356 SC Cabriolet ist etwas Besonderes – es ist der Gebraucht-Wagen, den sich Janis Joplin 1968 im Alter von 25 Jahren zum Preis von 3500 Dollar erwarb, und den sie bis zu ihrem Tod zwei Jahre später tagtäglich fuhr. Womit man auch den legendären Song von Kris Kristofferson „Oh Lord won`t you buy me…“ etwas differenzierter betrachten sollte, denn während sich die Texanerin in diesem Song nach einem Mercedes-Benz sehnte, fuhr sie privat dieses kleine Porsche-Cabriolet, in dem sonst ihre Freunde unterwegs waren.

Aber egal: Kein Mensch konnte ahnen, dass das mausgraue 356 SC-Cabriolet, das im April 1964 an einen Kunden in San Antonio ausgeliefert wurde, eines Tages als millionenteure Pop-Ikone enden würde. Hatte der Käufer noch eher einen sportlichen Einsatz im Kopf gehabt – er orderte einen Überroll-Bügel, Talbot-Rückspiegel und eine Roadmaster-Fanfare –, so war der Wagen mit der Chassis-Nummer 160371 vier Jahre später zu einem „normalen“ Cabriolet mutiert, was Janis Joplin auch gleich dazu bewog, ihn an Dave Richards mit der Bitte, ihn zu bemalen, weiterreichte.

Dave Richards war „Roadie“, der als „Mädchen für alles“ für sie und ihre Band „Big Brother and the Holding Company“ diente. Nach den Erinnerungen von Michael – dem Bruder von Janis – hatte Richards keine Vorgaben und er schuf auf dem Wagen, der als Basis erst einmal in Candy Apple Red lackiert wurde, „The History of the Universe“ – auf diesen ambitionierten Titel wurde das Werk getauft. Es waren Jahre, in denen pathetische Titel en Vogue waren. Und so dauert es Stunden und viele Rundgänge um den Wagen, um alle Details zu erkennen, denn Richards hat – zum spärlichen Lohn von 500 Dollar – die Sonne, den Mond, die Sterne, epische Landschaften sowie die Portraits der Mitglieder der Band auf die Karosserie gemalt. Wer genau hinsieht, erkennt auch erstaunlich viele Pilze – was aber in jenen Jahren, als halluzinogene Drogen wie Plätzchen geschluckt wurden, nicht wirklich wundert.

Auf jeden Fall hatte der kometenhaft aufsteigende Star nun einen Wagen, der wirklich auffiel und – wie ihre Geschwister Laura und Michael, die den Wagen nach dem Tod erbten und nun bei RM Auctions zur Versteigerung einreichten, bestätigen – nie ein Ticket wegen Speeding erhielt. Die Polizisten wollten immer nur den Wagen sehen.

Einmal im Wagen sitzend fühlt man sich auf Anhieb wohl, zumal dieser SC sein ganzes Leben als Transportmittel benutzt wurde – die längste Tour war eine Tour von New York nach Arizona, wie Michael erzählt. „Und der Wagen war nie kaputt – German Quality eben!“ Er ist also auch nicht zu Tode restauriert, wie es so viele alte Porsche heute sind. Da darf auch im Verdeckkasten etwas Flugrost zu sehen sein, was aber nicht weiter stört – dafür springt der Vierzylinder sofort an, den ersten Gang einlegen, Kupplung kommen lassen und losfahren. Wer jemals einen Käfer gefahren ist, kann auch diesen SC fahren – allerdings beschäftigt einen der Wert des Wagens doch sehr: RM Auctions, die den Wagen am 10. Dezember in New York versteigerten, rechnete ursprünglich mit einem Ergebnis von 400.000 bis 600.000 Dollar. Viel Geld für ein SC Cabriolet, das ansonsten für 150.000 Dollar zu haben wäre. Doch dann explodierte der Preis: Letztlich ging der „Joplin“-356 für 1,78 Millionen Dollar weg! Was dann doch nicht wundert, in diesem Wagen steckt weit mehr als nur ein 356 SC-Cabriolet – es diese süße Melange aus Zeitgeist, Prominenz und Erinnerungen, die Sammler anzieht. Und wer für eine Gitarre von Jimi Hendrix knapp 900.000 Dollar bezahlt, hat auch das Geld für einen Wagen von Janis Joplin.

Die Fahrt selbst – natürlich mit offenem Verdeck – verläuft eher unspektakulär: Das Temperament, die Lenkung, die Bremsen lassen einen in jedem Moment wissen, wie viel Fortschritt die Technik in 40 Jahren gemacht hat. Andererseits hatte ein Käfer damals deutlich weniger Temperament. Und dazu flüstert einem Janis Joplin permanent ins Ohr: „Mach bloß nichts kaputt“ – und da man auch nicht in die Porsche-Analen als derjenige eingehen will, der Joplin-356 in den Straßengraben gesetzt hat, gerät die Fahrt in dieser Ikone auch mehr zu einem entspannten Dahingleiten. Das Aussteigen fällt schwer, man fühlt noch IHRE Gegenwart, und ihre Lieder sind sowieso präsent.

Wer den Wagen letztlich ersteigert hat? Man weiß es nicht – der neue Besitzer wünscht anonym zu bleiben. Ich vermute, dass sich die großen Rock`n-Roll-Museen gegenseitig überboten haben: Und hier gehört diese Ikone auch hin. Michael und Laura Joplin hoffen – nach 35 Jahren Besitz – auf einen hohen Erlös, den sie für ihre Janis Joplin-Stiftung einsetzen werden, um die Erinnerung an ihre Schwester weiter hegen und pflegen zu können.

Text: Jürgen Lewandowski Fotos: RM Auctions