Den Originalzustand gibt es nur einmal

Seit ca. 15 Jahren gibt es den Trend, Oldtimer, die ihre Zeichen der Zeit tragen, möglichst original zu belassen und die Substanz zu erhalten. Aber erst in den letzten Jahren ist es spürbar, dass solche Fahrzeuge auch im Wert immer mehr ansteigen und die Beachtung dieser Fahrzeuge auch das breitere Publikum erreicht. Vor einigen Jahren bekamen Besitzer von wirklich original erhalten und unrestaurierten Oldtimern auf Oldtimer Veranstaltungen Bemerkungen zu hören wie: „Der kann sich wohl eine Restauration nicht leisten“, oder „schau Dir mal diese Siffkarre an“. Heute redet die breite Masse von Patina. Doch es ist nicht nur die Patina, sondern auch die Geschichte, die Gebrauchs-Spuren und die Spuren der Zeit, die unrestaurierte Fahrzeuge zu etwas Besonderem machen.

Ein schönes Beispiel ist ein Lancia, der einst einem Pfarrer in Italien gehört hatte. Die vergilbten Schutzabdeckungen der Innenausstattung, die er seit seiner Auslieferung beibehalten hatte, erzählen von der Geschichte. An der Fahrertüre ist der Lack entlang des unteren Fensterrahmens abgewetzt und hat schwarze Spuren. Diese stammen vom Talar des Pfarrers, der stets einen Arm zum Fenster heraushängen ließ, um seine Schäfchen im Dorf zu grüßen.
Nicht jedes der Fahrzeuge muss gleich durch eine sogenannte Patina hervorstechen, manche Fahrzeuge befinden sich sogar noch in einem sehr guten Zustand.

Natürlich ist nicht alles Patina
Als Patina bezeichnet man fachmännisch alle Spuren, die die Historie des Fahrzeugs beschreiben. Dazu gehört zum Beispiel ein stark ausgeblichener Lack – der beispielsweise durch die Sonne Südfrankreichs entstanden ist, stumpfen Chrom – da das Fahrzeug bereits ein hohes Alter aufweist oder ein verschlissener Ledersitz, der über die Jahre eine intensive Abnutzung erfahren hat. Kleine Risse, Lackplatzer oder geringe Roststellen sind legitim. Patina muss gepflegt und der weitere Zerfall verhindert werden.
Abnutzungs-Spuren aufgrund schlechter Pflege, schwerere Unfallspuren oder nicht reparierte Roststellen an technisch relevanten Teilen, Schmutz, Staub oder sogar Schimmel hat nichts mit Patina zu tun. Es sei denn, es handelt sich um ein Rennfahrzeug, das einst die PanAmericana mitgefahren ist und noch die originalen Kampfspuren mit sich trägt. Man merkt bald, das dieses Feld der Definition „Patina“ sehr weitreichend ausgelegt werden kann, aber es führt immer wieder auf einen Punkt zurück: Das Fahrzeug ist dann patiniert, wenn die Spuren eine echte Geschichte oder Zeichen des Werdegangs des Fahrzeugs beschreiben.

Scheunenfunde oder still gelegte Fahrzeuge restaurieren? Oder doch eher substanzerhaltend instand setzen? Vor einigen Jahren hätte man solche Fahrzeuge meist noch als Teilträger oder Body Off Restaurations-Objekte verkauft. Heute hat sich das Bewusstsein auch hier stark gewandelt. Solche Fahrzeuge sind in der Regel in ihrer Substanz komplett und absolut original erhalten. Hier ist manchmal gar nicht viel notwendig, um ein solches Fahrzeug wieder auf die Straße zu bringen – und zwar als Zeitzeuge mit den entsprechenden Spuren. Oldtimer die schon dem Zerfall zum Opfer gefallen sind, kann man nur bedingt erhalten, denn zu allererst steht natürlich die technische Fahrsicherheit im Vordergrund. Die Kunst liegt aber darin, das Fahrzeug wie in der Kunst z.B. ein Gemälde, substanzerhaltend instand zu setzen.

Wir reden hier nicht von einer Restauration, die eine Reparatur mit sich bringt und in der Teile komplett erneuert oder ausgetauscht werden. Zum Beispiel wird ein vom Rost zerfressener Schweller zwar wieder instand gesetzt, aber die Lackierung außen herum möglichst erhalten und bei der Bei-Lackierung sehr darauf geachtet, den alten Lack entsprechend zu rekonstruieren, bzw. zu „imitieren“. Das über die Jahre technische Funktionsteile wie Bremsen, Lenkung oder aber auch Motor und Getriebe einmal überholt werden müssen, versteht sich von selbst und gehört auch zu dem Wartungsablauf eines Fahrzeugs. Eine substanzerhaltende Maßnahme an einem Oldtimer kann wesentlich aufwendiger sein, als eine Restauration und setzt auch einige Fachkenntnisse voraus.
Oldtimer mit einer Historie und lebendigen Spuren der Zeit, sind zu hundert Prozent rollendes Kulturgut. Deshalb findet in München am 2. April auch zum zweiten Mal der CfC Preservation Concours statt, zu dem nur original belassene, unrestaurierte Fahrzeuge zugelassen sind.

In diesem Jahr treten rund 25 Fahrzeuge zu diesem weltweit einzigartigen Wettbewerb an. Mit dabei sind viele Highlights: Vom kraftvollen und sehr seltenen Alfa Romeo RL S über ein winziges Fulda Mobil, das sich einem Vorkriegs Austin Seven stellt, bis hin zu einer gepanzerten Alfa Romeo Alfetta Limousine, die einst einem italienischen Mafia Boss gehörte. Vom Bergrennwagen bis hin zum Volkswagen Käfer und auch selten gesehenen Prototypen, wie der Citroen MX35 – die Spannbreite in den einzelnen Wettbewerbs Klassen ist groß. Neben einer hochkarätigen Jury wird es dieses Jahr auch erstmals eine Auszubildenden Jury geben, bei der sich Azubis, Studenten und Praktikanten bewerben konnten. Diese junge Jury zwischen 16 und 20 Jahren wird ihren eigenen „Best of Show“ Award vergeben.